《六国论》


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《六国论》 Die Zerstörung der Sechs Königreiche
宋·苏洵 Su Xun, Song-Dynastie
六国破灭,非兵不利,战不善,弊在赂秦。赂秦而力亏,破灭之道也。或曰:六国互丧,率赂秦耶?曰:不赂者以赂者丧。盖失强援,不能独完。故曰:弊在赂秦也。 Dass die sechs Königreiche zugrunde gingen, lag weder an untauglichen Waffen noch an ungeschickter Kriegsstrategien, sondern an ihrer Bestechungspolitik gegenüber Qin. Durch die Bestechung wurde ihre eigene Kraft geschwächt – das war der direkte Weg in den Untergang. Mag man fragen: „Haben die sechs Königreiche sich nicht nacheinander zugrunde gerichtet, weil sie alle Qin bestochen haben?“ Ich antworte: „Diejenigen, die nicht bestochen haben, gingen zugrunde durch jene, die es taten.“ Denn ohne starke Verbündete vermochte keins allein zu bestehen. Darum heißt es: Das Übel liegt in der Bestechungspolitik gegenüber Qin.
秦以攻取之外,小则获邑,大则得城。较秦之所得,与战胜而得者,其实百倍;诸侯之所亡,与战败而亡者,其实亦百倍。则秦之所大欲,诸侯之所大患,固不在战矣。思厥先祖父,暴霜露,斩荆棘,以有尺寸之地。子孙视之不甚惜,举以予人,如弃草芥。今日割五城,明日割十城,然后得一夕安寝。起视四境,而秦兵又至矣。然则诸侯之地有限,暴秦之欲无厌,奉之弥繁,侵之愈急。故不战而强弱胜负已判矣。至于颠覆,理固宜然。古人云:“以地事秦,犹抱薪救火,薪不尽,火不灭。”此言得之。 Qin gewann Territorien nicht nur durch militärische Angriffe - mal erhielt es kleine Ortschaften als Tribut, mal große Städte. Vergleicht man das, was Qin durch Bestechung erhielt, mit dem, was es durch Kriege erbeutete, so übertraf das erstere Letzteres hundertfach. Ebenso sind die Verluste der Fürsten ebenso hundertfach größer als ihre bloßen Niederlagen in den Kriege. Daraus folgt: Das größte Begehren Qins und die größte Sorge der Fürsten lagen nicht im Krieg selbst. Denkt an die Vorfahren, die Frost und Tau trotzten und dichten Dornbusch schlugen, um nur ein Stückchen Territorium zu gewinnen. Ihre Nachkommen aber schätzen es kaum, geben es leichtfertig fort wie Spreu im Wind. Heute fünf Städte, morgen zehn - und hoffen so auf eine ungestörte Nacht. Doch wenn man am nächsten Morgen aufsteht und die Grenzen überschaut, da steht Qin schon wieder vor den Toren. Die Territorien der Fürsten sind jedoch begrenzt, sie Begierde des tyrannischen Qins kennt jedoch kein Maß: Je mehr die Fürsten gaben, desto größerer wurde Qins Aggression. So lässt sich bereits ohne Kriege entschieden, wer der Stärker und Sieger würde. Der Untergang der sechs Königreiche war unausweichlich. Wie die Alten sagten: „Territorium an Qin abzugeben, ist wie Brennholz aufs Feuer zu legen; das Brennholz möge nicht enden, das Feuer erlischt nie.“ Zutreffend ist diese Aussage.
齐人未尝赂秦,终继五国迁灭,何哉?与嬴而不助五国也。五国既丧,齐亦不免矣。燕赵之君,始有远略,能守其土,义不赂秦。是故燕虽小国而后亡,斯用兵之效也。至丹以荆卿为计,始速祸焉。赵尝五战于秦,二败而三胜。后秦击赵者再,李牧连却之。洎牧以谗诛,邯郸为郡,惜其用武而不终也。且燕赵处秦革灭殆尽之际,可谓智力孤危,战败而亡,诚不得已。向使三国各爱其地,齐人勿附于秦,刺客不行,良将犹在,则胜负之数,存亡之理,当与秦相较,或未易量。 Die Qi hatten Qin niemals bestochen, und dennoch erging es ihnen wie den fünf anderen Königreichen und wurden zerstört. Warum? Weil es sich mit Qin verbündete, statt den anderen fünf zu helfen. Waren diese gefallen, kam auch Qi kein Entkommen mehr zu. Die Herrscher von Yan und Zhao hingegen bewiesen anfangs Weitblick, hielten an ihren Territorien fest und lehnten es aus moralischer Überzeugung ab, Qin zu bestechen. Daher fiel Yan erst später, obgleich kleiner als die anderen, was die Wirksamkeit ihrer Militärstrategien zeigt. Erst als Dan, der Prinz von Yan, Jing Keis Attentat befahl, verschuldete er selbst das Unglück der Zerstörung. Zhao kämpfte fünfmal gegen Qin: zweimal unterlag es, dreimal siegte es. Als Qin später zweimal gegen Zhao zog, wurde es von Li Mu, der General von Zhao, jeweils erfolgreich zurückgeschlagen. Erst als Li Mu durch Verleumdung hingerichtet wurde, verlor Zhao und die Hauptstadt Handan wurde ein Kreis von Qin - leider hatte Zhao die tüchtige Kriegsführung nicht zu Ende geführt. Zu jener Zeit waren fast alle anderen Königreiche bereits von Qin verschlungen – Yan und Zhao standen allein, in äußerster Bedrängnis. Dass auch sie schließlich besiegt und zerstört wurden, war kaum zu vermeiden. Hätten jedoch die anderen drei Königreiche ihr Territorium bewahrt, hätte sich Qi nicht Qin angeschlossen, wären die Attentäter nicht ausgesandt und der fähige General am Leben geblieben, so hätten sie vielleicht noch eine Chance gehabt, Qin zu besiegen.
呜呼!以赂秦之地封天下之谋臣,以事秦之心礼天下之奇才,并力西向,则吾恐秦人食之不得下咽也。悲夫!有如此之势,而为秦人积威之所劫,日削月割,以趋于亡。为国者无使为积威之所劫哉! Ach! Wenn die sechs Königreiche die Territorien, die sie Qin als Tribut gaben, den weisen Ratgebern honorieren, die Ehrung gegenüber Qin lieber außergewöhnlichen Talenten geschenkt, und gemeinsam ihre Kräfte gegen Westen richten – so fürchte ich, hätten die Qin nicht einmal in Ruhe speisen können. Wehe! Solch große Macht, und doch erlagen die sechs der über Jahre angesammelten Einschüchterung durch Qin, ließen sich täglich Stück für Stück ihrer Territorien entreißen und trieben schließlich in den Untergang. Kein Herrscher sollte sein Reich dem schleichenden Drohgewalt anderer beugen!
夫六国与秦皆诸侯,其势弱于秦,而犹有可以不赂而胜之之势。苟以天下之大,下而从六国破亡之故事,是又在六国下矣。 Die sechs Königreiche und Qin waren alle gleichrangige Fürstentümer. Schwächer zwar als jener an Macht, hätten sie doch ohne Bestechung siegen können. Wenn nun ein mächtiges Reich – noch größer als sie alle – dem Beispiel ihres Untergangs folgt, wäre dies eben kläglicher als ihr Scheitern.